Jutta Deimel/Uwe Knüpfer /Mario Messer

Schatzkammer Oberwinter / 1. November 2019

 

Ma Ährlich Getz! 

 

Die Schatzkammer Oberwinter eröffnete an Allerheiligen „Blicke in den Kohlen-Pott“, samt Steigerlied und Grünkohl vegan.

Wat is dat eigentlich: der Kohlen-Pott? Jutta Deimel und Uwe Knüpfer suchten zu Allerheiligen Antworten bei Ruhrgebiet-Kabarettisten. Texte von Elke Heidenreich, Rainer Bonhorst und Frank Goosen erlaubten tiefe Einblicke in die Seele der Menschen „anne Ruhr“. So, wenn die Metzgersgattin „Else Stratmann“ in der handfesten Sprache des Ruhrgebiets ihre Zuneigung zu Mozart erläutert oder Karl Marx als Wirtschaftsminister empfiehlt. 

 

Die sehr besondere Grammatik des Ruhr-Deutschen erschloss sich in einem fiktiven Dialog zwischen einem Reporter und „Dr. Antonia Cervinski-Querenburg“, Sprachforscherin an der Ruhr-Universität Bochum und Enkelin der legendären Kumpel-Anton-Figur: „Anton, sachte Cervinski für mich…“

 

Texte des Bochumers Frank Goosen schälen den harten Kern liebgewordener Klischeebilder heraus, etwa wenn Touristen das viele Grün im Ruhrgebiet bewundern oder die raue Herzlichkeit der Einheimischen: „Die Menschen werden nicht besser, nur weil sich der Lichtschein flüssigen Stahls so malerisch in ihren Gesichtern bricht.“ 

 

Mittelalterliche Garnisonsstädte schön finden, das könne jeder, schreibt Goosen: „Aber auf dem Gasometer in Oberhausen stehen, sich umgucken und sagen: Wat ne geile Gegend!, das muss man wollen.“

 

Ruhrgebietler können, so viel wurde den rund zwei Dutzend Gästen der Schatzkammer an diesem heiteren Abend klar, gut über sich selber lachen - und sie lieben diesen eigenartigen Städtebrei zwischen Rhein und Soester Börde, Sauer- und Münsterland wirklich. In Frank Goosens Worten: „Nä, schön is dat nicht, aber meins!“ 

 

Kurze Texte zur Historie des Ruhrgebiets rundeten das einstündige Programm ab. Wer weiß schon, dass der Ruhrschnellweg einem uralten Handels- und Königsweg folgt und dass Städte wie Essen, Duisburg oder Bochum allesamt älter sind als Berlin oder München? Und wie viele Theater und Konzerthäuser es dort heute gibt? Viele! Und gute!

 

Zum Schluss sangen alle Gäste zusammen mit den Vortragenden und Mario Messer an der Gitarre die Ruhr-Hymne, das Steigerlied: „Glückauf, Glückauf, der Steiger kommt…“ Dann gab es noch, zu Original Moritz-Fiege-Pils aus Bochum und Musik von „Herne3“, „Mutters guten Kohl“: Grünkohl, vegan oder lieber doch mit Wurst und Speck. Beide Varianten wurden gern genommen. 

Blicke in den Kohlenpott, das zeigte sich, machen hungrig auf mehr.



Bericht über den Diskussionsabend in der Schatzkammer Oberwinter: Zur Aktualität von 1968 – 50 Jahre nach der Studentenbewegung am Freitag, 16.11.2018, 19-22 Uhr 

 

Der Diskussionsabend wurde von Paul Oehlke vorbereitet; er hatte in Marburg/Lahn Politikwissenschaft in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre studiert und mit Hans Henning Herzog von 1968 bis 1970 verschiedene Artikel und ein gemeinsames Buch zur antiautoritären Studentenbewegung veröffentlicht. Vor dem ein halbes Jahrhundert zurückliegenden persönlichen Hintergrund und den zahlreichen Vorträgen, Artikelserien und laufenden Ausstellungen wie im Kölner Stadtmuseum „Köln 68! protest, pop, provokation“ und der fotographischen Sammlung im Bonner Haus der Geschichte, so hob der Referent hervor, war er insbesondere durch Gretchen Dutschkes Vorstellung ihres Buches „1968 - Worauf wir stolz sein dürfen“ in Sinzig vor etwa 150 Zuhörer*innen etwa einen Monat zuvor zu dieser Veranstaltung angeregt worden. 

 

Warum ist 1968 wieder aktuell, fragte Paul Oehlke, und gab die Antwort: „Weil im politischen Spektrum wieder Kräfte „weg vom links-rot-grün verseuchten 68er-Deutschland", gleichsam eine Kehrtwende um 180 Grad wollten -also zurück zu jenen Zuständen, die gerade von der Studentenbewegung kritisiert worden waren. Die folgende Diskussion mit den hauptsächlich älteren Besuchern der Veranstaltung, selbst Zeitzeugen, kreiste um drei Schwerpunkte: Ursachen, Verlauf und Wirkungen der Bewegung. Hierbei ging es nicht nur um gesellschaftspolitische Aspekte, sondern auch um sozial-kulturelle Zusammenhänge. Zur Veranschaulichung dienten aufgehängte Fotos und Musikvideos, Fernsehredebeiträge und Radiosendungen. 

 

In den beiden Nachkriegsjahrzehnten etablierten sich wieder weitgehend die alten Seilschaften in Gesellschaft, Wirtschaft und Staat. Entsprechend beschrieb das Frankfurter Analytiker-Ehepaar Mitscherlich eine Verdrängung des vergangenen Geschehens, gleichsam eine „Unfähigkeit zu trauern“. Vordringlich stand der Wiederaufbau auf der Tagesordnung, jedoch mit überkommenen autoritären Verhaltensweisen und Erziehungsmethoden. Dies illustrierte Paul Oehlke mit der Aussage seines Vaters: „Der Wille des Kindes muss gebrochen werden.“ 

 

Mit dem Wirtschaftswunder und seinen Fress-, Auto- und Reisewellen und den 1964 bereits eine Million Gastarbeitern, aber auch den wachsenden Bildungsanforderungen begannen sich die „autoritären Lebensformen“ bereits zu lockern; mit Jazz und Rock `n Roll (Bill Haley und Elvis Presley), später allgemein der Popmusik (Beatles und Rolling Stones) wirkten vielfältige sozial-kulturelle Einflüsse auch auf die Jugend hierzulande. Sie begehrte angefangen mit den „Halbstarkenkrawallen“ gegen Ende der 1950er Jahre zunehmend auf mit ihrer schlampigen Kleidung, den länger werdenden Haaren, direkter Körperlichkeit und unverhohlener Erotik. Alles richtete sich gegen einen seit ewig her eingeschliffenen Regelkanon, symptomatisch in dem trivialen Verbot, den Rasen abseits der Wege zu betreten, bis zu den kalkulierten Tabubrüchen der ebenso berühmten wie berüchtigten Kommune 1 in Berlin mit den vielfach porträtierten Aktivisten Kunzelmann, Langhans und Teufel. Vom letzterem blieb bis heute im allgemeinen Bewusstsein, als er auf die Aufforderung eines Richters, sich zu erheben, langsam aufstehend sagte: „Wenn es denn der Wahrheitsfindung dient“. 

 

Solch eher indirekte Protestformen beflügelten exemplarisch die abgespielten Musikvideos „Jailhouse Rock“ (Presley) und „Satisfaction“ (Rolling Stones), umfassender noch einzelne Videoausschnitte des amerikanischen Musicals „Hair“, hier in seiner Filmversion (Aquarius, I got Life, Let the Sunshine in). In ihnen kam parallel zu dem legendären, dreitägigen Festival „Woodstock“ 1969 mit über 400.000 jüngeren Teilnehmer*innen ein wachsender Friedenswille - insbesondere der antiautoritären Hippie-Generation - zum Ausdruck. Das Motto „Make Love not War“ richtete sich gegen den mörderischen Vietnamkrieg, was durch einige weltbekannte, an einer Wäscheleine befestigte Fotos anschaulich gemacht wurde. 

 

Paul Oehlke wies darauf hin, was häufig vergessen wird, wenn der Studentenbewegung generell ein Antiamerikanismus vorgeworfen wird, dass umgekehrt nicht nur in Deutschland, sondern in vielen europäischen Ländern gerade die amerikanische Bürgerrechts- und Friedensbewegung mit Martin Luther King, Joan Baez und vielen anderen wie Herbert Marcuse in Berkeley eine zentrale Inspirationsquelle der gegen den Vietnamkrieg weltweit aufbegehrenden Menschen war. Der wachsende Widerstand manifestierte sich in Deutschland im großen Vietnamkongress des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) mit Delegationen aus 14 Ländern und etwa 5.000 Teilnehmer*innen im Februar 1968 in Berlin. Ein kurzer Videoausschnitt der zentralen Rede von Rudi Dutschke machte die antikoloniale Stoßrichtung der Proteste deutlich, die sich mit den Befreiungsbewegungen unter den ikonenhaften Bildern von Ho Chi Minh und Che Guevara weltweit solidarisierten. 

 

Dass es sich hierbei vorwiegend um Studenten handelte, zudem in der Regel aus geistes- und sozialwissenschaftlichen Fachrichtungen, die sich selbst so nennende „kleine radikale Minderheit“, offenbarte die große, vom Berliner Senat, Gewerkschaften und weiteren Gruppen getragene Gegendemonstration mit mehr als 100.000 Menschen in der „Frontstadt“ Berlin. Transparente wie „Dutschke Staatsfeind Nr. 1“ zeugten von einem zugespitzten, durch einige Presseorgane geschürten Klima. Das mochte dazu beigetragen haben, dass der rechtsextremistische Hilfsarbeiter Josef Bachmann am Gründonnerstag 1968 ein Attentat auf Rudi Dutschke verübte, an dessen Folgen dieser Jahre später starb. In den nun ausbrechenden Osterunruhen der Studenten, dokumentiert durch einige Fotos, empörten sich auch zahlreiche Künstler, Journalisten und Hochschullehrer, die schon nach der Ermordung des Studenten Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 im Zuge einer Demonstration gegen den Schah sich den Studenten genähert hatten. Dieser Tag sollte die Geburtsstunde einer breiteren, die Universitätsstädte ergreifenden Protestbewegung werden. Das in der Öffentlichkeit heftig kritisierte Vorgehen des dann mit dem Innensenator und dem Bürgermeister zurückgetretenen Polizeipräsidenten machte die Lesung eines Abschnitts aus Gretchen Dutschkes eingangs erwähntem Buch anschaulich. Dennoch verblieb eine skeptische Grundstimmung in weiten Teilen der älteren Generation, die von dem zwar ironisch gemeinten, heute aber zwiespältig wirkenden Lied „Vatis Argumente“ von Franz Josef Degenhardt auf den Punkt gebracht 

wurde. Die Studenten als zentraler Faktor in der breiteren außerparlamentarischen Opposition (APO) protestierten noch mit 60.000 Demonstranten im Bonner Hofgarten im Mai 1968 gegen die von der Großen Koalitionsregierung angestrebte Notstandsgesetzgebung. Die Befürchtung, dass mit ihr Grundrechte im Notstandsfall außer Kraft gesetzt werden können, begründete der theoretisch versierte Student Hans-Jürgen Krahl in seiner Rede auf dem Frankfurter Römerberg, die in einem Fernsehbericht eingeblendet wurde. Ihre Verabschiedung mit der erforderlichen parlamentarischen Zweidrittelmehrheit konnte die APO aber nicht mehr verhindern. Angesichts einer fehlenden breiten gesellschaftlichen Resonanz und sich zuspitzender innerer Widersprüche beschloss der SDS seine Auflösung. Eine kleine Gruppe, die RoteArmeefraktion (RAF), verschrieb sich dem bewaffneten Kampf, der die Republik jahrelang in Atem hielt; größere Teile bildeten mehr oder weniger voneinander isolierte Parteigruppierungen kommunistischer, trotzkistischer und maoistischer Spielart; jedoch die bei weitem überwiegende Mehrheit machte sich weniger auf den „Marsch“ durch die, sondern mehr in die Institutionen, was der Referent für sich selbst bekannte. Hier stellen sie teilweise ein bis heute nicht nur in Deutschland wirksames aufklärerisches Potenzial in der zivilgesellschaftlichen Öffentlichkeit dar – hierfür exemplarisch die „Washington Post“ in den USA - von ihrer Veröffentlichung der Pentagon-Papiere 1971 (siehe Wikipedia) bis zu dem aktuellen Kampf gegen “fake news“ im Trumpismus. 

 

Entsprechend vielfältig und nachhaltig sind die Wirkungen der Studentenbewegung: die Kinderläden führten zu einer Abkehr von autoritären Erziehungsstilen; die ersten innerlinken Frauenproteste zu einer breiten Frauenbewegung über erste journalistische Flagschiffe wie Courage und Emma mit Alice Schwarzer weit hinaus, je mehr Frauen in der Gesellschaft präsent wurden; die postulierte „sexuelle Befreiung“ zu frei gewählten Partnerschaften in immer weniger rechtlich eingeschränkten Formen; die studentischen Wohngemeinschaften zu Generationen übergreifenden Wohnformen mit öffentlichen Förderprogrammen; die beteiligungsorientierten Hochschulgesetze zu erweiterten betrieblichen Mitbestimmungsrechten bis hin zu einer Abkehr von hierarchischen Führungsstilen in größeren Unternehmen, die zunächst punktuelle, aber starke Antiatomkraft- zu einer breit aufgestellten „grünen“ Umweltbewegung, die erste schwarz-rote Bundesregierung 1966 zu vielfarbigen Koalitionen. 

 

Dies ist nunmehr ein halbes Jahrhundert währender Weg seit dem „Beschweigen“ faschistischer Verbrechen über die noch weitgehend unter der Decke gehaltenen Auschwitzprozesse Anfang der 1960er Jahre und die erneut beginnende Aufdeckung des Holocaust ein paar Jahre später, zu einem großen Teil auch durch die ihre Hochschullehrer befragenden, zur Rechenschaft ziehenden und selbst recherchierenden Studenten geleistet, bis zu wachsenden Einsichten in größeren Teilen der Bevölkerung über ihre eigenen Verstrickungen. Hierfür stand den langen Abend abschließend ein Fernsehausschnitt der Rede des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker im Jahre 1985 – verstanden als eine bleibende Mahnung, zu solchen Verhältnissen nationaler Abschließung, autoritärer Regierung und rassistischer Hybris nicht mehr zurückzukehren. Am Ende fand ein Videomitschnitt des von Joan Baez in Woodstock 1969 vorgetragenen und seither immer wieder gesungenen Liedes der amerikanischen Bürgerrechts- und Friedensbewegung eine nachdenklich einstimmende Resonanz: „We shall overcome“. 

 

Nie mehr Establishment: "Köln 68!" im Stadtmuseum "Berlin brennt, Köln pennt" - so verspottete die Berliner Studentenrevolte ihre Kölner Kinder.
Nie mehr Establishment: "Köln 68!" im Stadtmuseum "Berlin brennt, Köln pennt" - so verspottete die Berliner Studentenrevolte ihre Kölner Kinder.

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